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Andachten

Ruhe im Advent - wie hinbekommen?

Pfarrer Robert Neuwirt

"In der AdventsZeit...

Bekommen Sie das hin? Den Advent? Die AdventsZeit: Zeit der Ruhe und Besinnung, der Geborgenheit und Liebe. Zeit der Andacht und Vorbereitung. Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten – innerlich. Zeit, Herzen zu öffnen. Zeit zum Durchatmen.

Einatmen und Ausatmen.

Bekommen Sie das hin? Ich habs versucht. Und ich hab davon geredet. Dieses Jahr noch nicht so viel, aber die letzten Jahre. Immer wieder hab ich von der Ruhe im Advent geredet. Sooo viel davon geredet. Aber ernsthaft: Wie ehrlich wäre ich mit Ihnen, wenn ich von einer Zeit voll Ruhe und Besinnlichkeit reden würde, und ich es dabei selber bis jetzt nicht hinbekommen habe, auch mal ruhig zu sein. Still zu werden. Wenn ichs nicht hinbekomme, mal meinen Mund zu halten, das Handy aus der Hand zu legen, den Laptop zuzuklappen. Den sich um Termine und Pflichten und um Hoffnungen für das Weihnachtsfest drehenden Kopf mal anzuhalten. Dieses Jahr ist der Advent anders, sicher. Aber irgendwie trotzdem innerlich unruhig. Da sind Dinge zu planen und zu bedenken, zu organisieren und zu besorgen. Ruhe im Advent. Ich bekomms nicht hin.

Einatmen und Ausatmen.

Aber ich will nicht mehr davon reden, dass diese Zeit so anders sein könnte. Ich will nicht immer wieder mein schlechtes Gewissen hören: du musst zur Ruhe kommen. Du musst besinnlich werden.

Und wenns nicht geht? Fällt dann Advent aus? Fällt dann Weinachten aus? Ich will nicht mehr davon reden, dass es wichtig ist, in dieser Zeit zur Ruhe zu kommen. Ich will nicht davon reden. Ich wills tun. Aber ich schaffs nicht.

Einatmen und Ausatmen.

Und da ist sie. Die Stimme im Hinterkopf. Die Stimme, die mir sagt: Du musst doch aber auch Advent leben. Wenn nicht du, wer dann? Wenn nicht Sie, wer dann? Und die Stimme wird drängender, je mehr Kerzen auf dem Adventskranz auf dem Couchtisch brennen. Wenn nicht du, wer dann?

Einatmen und Ausatmen.

Wenn nicht du, wer dann? Was soll denn das eigentlich heißen?

Und genau da fängt es an, leichter zu werden. Vielleicht, weil ich mich gewehrt habe gegen den Gedanken, dass „man sollte und es wäre doch richtig und du musst doch auch mal Advent!“. Vielleicht, weil ich mich gewehrt habe gegen die drängende zwingende Stimme. Vielleicht wird es aber auch plötzlich leichter, weil eine ruhigere, sanftere, liebevollere Stimme die andere, die erste, zum Schweigen bringt.

Einatmen und Ausatmen.

Weißt du, es kommt gar nich drauf an, dich zu zwingen. Es kommt nicht darauf an, dass du mit aller Gewalt den Advent zu einer ruhigen Zeit machst – es ist schön und wundervoll, wenn du diese ruhige Zeit sowieso lebst. Aber wenn das gerade nicht geht... Zwinge dich nicht dazu. Es kommt nicht darauf an, dass du an allen Ecken und Enden davon redest, wie schön es wäre, wenn Advent, wenigstens der Advent eine entschleunigte Zeit wäre. Es kommt nicht darauf an, dich zu zwingen: zur Ruhe, zur Besinnung. Tu nur das:

Einatmen und Ausatmen.

Es kommt nur auf eins an: mach dir bewusst, in welcher Zeit du lebst. Der Rest kommt von ganz alleine. Mach dir bewusst, dass es eben keine Zeit wie alle anderen im Jahr ist. Mach dir bewusst, warum es diese Zeit gibt. Zur Vorbereitung. Zur Vorbereitung auf das, was wir in ein paar Wochen feiern: Weihnachten. Und das braucht Vorbereitung. Warum? Weil der Gedanke nicht in den Kopf passt, dass Gott Mensch wird. Wehen, Geburt, Kind, Baby, Geschrei, Windeln. Gott – aber nicht mit Pauken und Trompeten und Erdbeben. Sondern als Kind. Der, der mich erlöst hat. Als Kind im Viehstall. Weil dieser Gedanke so unlogisch und weltfremd ist, brauchst du Vorbereitungszeit. Damit du vielleicht überhaupt bereit bist, diesen Gedanken zu denken. Das Herz zu öffnen. Das darf keinen Zwang erzeugen. Keinen Zwang, dass du so ruhig wie möglich und so wenig hektisch wie möglich leben solltest. Dann hat der Advent sein Ziel verfehlt. Es geht nicht um Zwang. Es geht darum, dass du dir bei allem, was du tust – in aller Hektik und in aller Ruhe – bewusst bist, dass Advent ist. Das unser Herr kommt. Ins Herze rein. Und ich glaube, wenn du das tust, dann kommt der Rest von alleine. Denn gibt Gott dir Zeit dazu, zum:

Einatmen und Ausatmen. Amen.

Amen"

Der Klang dieser Zeit...

Pfarrerin Christiane Schmidt

"Bald nun ist Weihnachtszeit, fröhliche Zeit!" Sind Sie schon darauf eingestimmt? Vielleicht mit dem ein oder anderen alten oder neueren Lied? Ich hätte da einige im Angebot...

 

Überall "Sind die Lichter angezündet, Freude zieht durch jedes Haus" und die "Klingglöckchen klingelingeling" hört man in Einkaufsmeilen, Tankstellen und Gaststätten vor sich hinbimmeln.

Wenn es nachts klar ist, kann man auch "Tausend Sterne sind ein Dom" sehen, nur "Leise rieselt der Schnee" erweist sich als leere Versprechung der Meteorologen.

"Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind", und leider nur wenige fragen "Wie soll ich dich empfangen und wie begeg'n ich dir", sondern sie fragen sich eher, was es zu essen geben soll am Fest und welche Geschenke noch herbeigeschafft werden müssen. Viele erwarten hinter "So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit" nichts anderes als die Erfüllung einiger Wünsche und vielleicht ein paar gemütliche Tage unter dem kunst-grünen "O Tannenbaum, o Tannenbaum". Dabei feiern wir am bevorstehenden Fest, dass "Nun (...) der Heiden Heiland (komm)"t. "Mit Ernst, o Menschenkinder" dürfen wir uns erinnern an die alten Prophezeiungen und Bilder, die das Kommen Jesu in unsere Welt und seine Herkunft beschreiben. Dass "...ein Ros entsprungen ist aus einer Wurzel zart", weist auf den besonders gesegneten Stammbaum Jesu und seine Verbindung zum Alten Bund Gottes mit seinem Volk hin. Und das vielgesungene Lied vom Schiff, das so besonders ist, weil "sein Segel (...) die Liebe ist und der Heiliggeist der Mast", erinnert uns daran, dass "Gottes Sohn ist kommen", ja, dass Gott selbst in seinem Sohn Jesus Christus auf die Welt kommt. Ihm sollen wir "...die Tore weit und die Türen in der Welt hoch" machen. Die Weihnachtsbotschaft ist das wirkliche Geschenk, das auch in diesem Jahr jedem Hause gilt: sie erzählt, wie "Maria durch ein' Dornwald ging" (auch eine Anspielung auf die alte Verheißung des Stammbaumes, aus dem Jesus hervorgehen wird); wie die Engel "Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär'" sangen, wie die Hirten als Erste sagen konnten "Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu du mein Leben, ich komme, bring und schenke Dir, was Du mir hast gegeben.", wie in der "Stille(n) Nacht, Heilige(n) Nacht"  "Der Heiland (ist) geboren" wurde.

Deshalb: "Freu dich, Erd und Sternenzelt"! "Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frau'n"! "Herbei, o ihr Gläubigen" und alle, die noch nicht glauben oder das Glauben verlernt haben und "Kommt und lasst uns Christum ehren, Herz und Sinnen zu ihm kehren"! "Nun singet und seid froh" und "Freuet euch ihr Christen alle" und all Ihr anderen Menschen, denn "Es ist für uns eine Zeit angekommen, sie bringt uns eine große Freud".

So wünsche ich Ihnen eine segensreiche, mit mancherlei Sinnen- und Seelenfreuden gefüllte "O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit" - und wenn Sie manches der zitierten Lieder nicht mitsingen konnten, nutzen Sie doch die verbleibende Adventszeit, um sich die schönen Lieder zu Eigen zu machen!                        

Advent als...

Pfarrer Cornelius Pohle

Advent als Warten

Warten – es gehört zu unserem Alltag, warten auf Bus und Zug, den nächsten Arzttermin, auf das Pausenklingeln in der Schule. Immer wieder warten wir auf etwas oder jemanden. Warten kann anstrengend sein, macht ungeduldig, müde. Deshalb will die Adventszeit will nicht nur eine Zeit des Wartens sein – auf Weihnachtsgeschenke, den lange ersehnten Festbesuch, den Heiligabendbraten.  

Adventszeit ist Erwartung. Erwarten ist kein bloßes Zurücklehnen und Schauen, was passieren wird. Erwarten hat mit einer Erwartungshaltung zu tun: aufrecht, standhaft bleiben. Erwarten ist ein ganz aktives Geschehen. Maria erwartet ihr göttliches Kind mit großer Freude und bringt diese in ihrem Lobgesang zur Sprache. Auch der alte Simeon im Tempel war voller Erwartung. Er erwartete den Trost Israels, so beschreibt es das Lukasevangelium im 2. Kapitel. Er wartet nicht ab, sondern sucht die Nähe Gottes im Tempel. Die ihm gegebene Verheißung, er solle nicht eher sterben, bevor er den Heiland gesehen habe, lässt ihn voller Erwartung sein. Er erwartet nicht irgendjemand, sondern Gott selbst. Gott kommt zu ihm. Gott kommt in diese Welt und damit auch zu uns – das darf Freude auslösen.

 

Advent als Vorfreude 

„Vorfreude, schönste Freude, Freude im Advent“ – so besingt es ein Lied. Vorfreuen auf etwas, was kommt und bald Wirklichkeit wird. Da ist etwas ist sicher, erwartbar. Vorfreuen auf jemanden, der kommt.

 Adventszeit ist die Zeit der Freude. Da ist diese vorweihnachtliche Stimmung: Lichter werden aufgestellt. Ein Gefühl von  Festlichkeit und Freundlichkeit macht sich breit. Für den Heiligabend  

werden Geschenke besorgt, um jemand anderem eine Freude zu machen, der sich bis dahin vorfreuen kann. Da ist die frohe Nachricht der Engel, die das

Kommen Gottes in diese Welt einleitet: „Fürchtet euch nicht, wir verkündigen euch eine große Freude.“

Schon im Alten Testament gibt es eine Vorankündigung, was Gott mit seiner Welt vorhat.  

Vorfreude macht sich schon im Hier und Jetzt breit – bevor das Eigentliche passiert, strahlt sie aus,

bewirkt etwas. Gerade Kinder freuen sich – mit Spannung und Aufregung – denn das gehört zur Vorfreude dazu. Vorfreude kann anstecken und sie kann weitergegeben werden – so wie die Engel die frohe Botschaft nicht geheim gehalten haben, sondern zum Vorfreuen einladen. Die Adventszeit lädt ein zum Vorbereiten, zum Vor- und Nachdenken, zum Vorfreuen. Gott selbst kommt zu uns – darin steckt die größte Freude.   

 

Advent als zweites Kommen Gottes 

Es klingt aber auch ein bisschen erschreckend.  

Schließlich kommt da nicht irgendwer, sondern der

allmächtige Gott höchstpersönlich. Bin ich darauf eigentlich eingestellt? Habe ich alle notwendigen Vorbereitungen getroffen? Solche Fragen kommen einem da in den Sinn. Da muss ich ja auf alles vorbereitet sein. Aber geht das überhaupt? Es ist irgendwie gar nicht richtig begreifbar, dass das überhaupt funktionieren kann: der große Gott in seiner Majestät und wir ganz normalen und oft so fehlerhaften Menschen. Himmel und Erde – oben und unten. Die Weihnachtsgeschichte berichtet von einem ganz anderen Kommen Gottes in diese Welt. Da gibt es keinen roten Teppich, kein Blitzlichtgewitter, keine

Machtdemonstration. Gott kommt als kleines, armes und schutzbedürftiges Kind in diese Welt. Gott kommt als Mensch. Gott will uns Menschen ganz nahe sein, deshalb hat er diesen beschwerlichen und erniedrigenden Weg seines Kommens gewählt.

Nicht Kraft und Krone, sondern Krippe und Kreuz

werden zu seinen Wegzeichen. Gott kommt zu uns und er kommt wegen uns, weil er uns liebt. Wenn Gott am Ende aller Tage wiederkommen wird, dann nicht mehr als Kind in der Krippe, sondern als Herr der Welt. Dennoch: die Liebe Gottes bleibt. deshalb gilt, damals wie in Zukunft: Fürchtet euch nicht!

Ich soll euch etwas ausrichten...

Pfarrerin Ann-Sophie Wetzer

Heute früh, sehr früh, bekam ich Besuch.

Völlig ungeplant. Ich hab mich richtig erschrocken. Meine Wohnung war nicht bereit dafür und ich auch nicht. Ich war noch nicht mal fertig angezogen, im Gesicht noch ein halber Kissenabdruck... „Du bist zu früh“, fiel ich ihm entgegen. Aber es half ja nichts. Jetzt war er da und meine Morgenroutine dahin. Es schien ihm überhaupt nichts auszumachen, zu stören. Im Flur standen noch Kisten vom Dachboden mit Zeug, das ich schon seit Wochen sortieren will. Mein Besuch stieg mit mir darüber. Ich lachte wegen irgendwas. Danach hat er wohl eine Weile versucht, seinen Mantel an unserer übervollen Garderobe aufzuhängen - wodurch ich in der Küche Zeit gewann. Ich musste mich entscheiden zwischen dem rumstehenden Geschirr und dem zugekramten Esstisch voller offener Post, Rechnungen, Zeitungen, Merkzettel, und Stifte, die kaum noch schreiben. Ich entschied, zuerst das Geschirr wegzuräumen. Eine Tasse ging zu Bruch, es klirrte. Während ich das Kehrblech zu suchen begann, kam mein Gast herein und sah sich um. Ich sammelte eilig die Scherben in eine Zeitung und legte sie unauffällig ins Spülbecken, um erst einmal Tee zu kochen. Nebenbei wischte ich Krümel weg und räumte weiter dreckiges Geschirr in die Spülmaschine. Ich bewegte mich so schnell, dass ich ihn aus dem Blick verlor; und dabei hab ich die ganze Zeit geredet über dies und das, und dass es gestern so spät geworden sei und ob sich das Wetter wohl halten werde und dass es ja noch so früh sei und gar nicht so meine Zeit. Als ich wieder hinsah, saß mein Gast an meinem liederlichen Esstisch und stellte seine heiße Tasse Tee geradewegs auf einen Stapel Zeitungen und Zettel. Als wäre das der natürliche Ort für eine heiße Tasse Tee. Unter seiner Tasse entstand ein nasser Ring. Er verwischte meine Einkaufsliste. Ich sah stumm zu. Und wurde plötzlich ruhiger. Ich setzte mich zu ihm. Und bemerkte, dass ich am Ringfinger blutete. Er reichte mir ein Taschentuch. Ich gab endgültig auf, hier noch irgendwas zu richten.
 

Dann unterhielten wir uns. Inmitten verkramter Stapel und Resten von gestern und Scherben und blutiger Taschentücher. Und es war der schönste Besuch. Wir haben gelacht. Und geweint haben wir auch. Und ich glaube, er hat zwischendurch Tee nachgefüllt und Stollen aufgeschnitten. Jedenfalls haben wir gegessen und geredet und geschwiegen. Irgendwann ist er gegangen. Und ich soll Euch etwas ausrichten. Unbedingt:

Wie tapfer Ihr wart dieses Jahr. Wie Ihr geliebt habt. Wie viel Ihr geschafft habt mit manchmal so wenig Schlaf. Wie Ihr gehofft habt. Und wie viel Ihr versucht habt, damit es besser wird. Wie Ihr mit Euren Kindern gesungen habt. Wie Ihr geweint habt. Wie Ihr Euch getraut habt, obwohl Ihr nicht wissen konntet, ob es klappt. Wie Ihr den schweren Weg ans Grab gegangen seid. Wie Ihr das durchgestanden habt. Wie Ihr verziehen habt. Und wie Ihr nicht aufgegeben habt, in jener Nacht, als alles so wehtat. Wie bewegt Euer Herz war. Und dass Ihr das zugelassen habt. Wie Ihr Licht wart. Und Salz. Wie Ihr Eure Häuser geschmückt habt gegen die Dunkelheit. Eure vielen Gebete und Wünsche für diese Welt.

Ihr habt es gut gemacht. Ihr könnt Euch setzen und freuen, denn Ihr werdet Besuch bekommen. Und es wird der schönste Besuch.

„Macht den Weg bereit, auf dem der Herr kommt! Ebnet ihm die Straßen! Füllt alle Täler auf, tragt Berge und Hügel ab, beseitigt die Windungen und räumt die Hindernisse aus dem Weg! Dann wird alle Welt sehen, wie Gott die Rettung bringt.“ (Lukas 3,4-6)

back to the roots...

Pfarrerin Hanna Jäger

Diese Zeit verlangt ganz schön viel von uns. Beschränkungen, Vorsichtsmaßnahmen, Veranstaltungsabsagen und Maske-auf, Maske ab stehen in diesem Winter auf der Tagesordnung. Und so viel zornige Worte, die bei dem einen gegen dies, bei dem anderen gegen jenes gerichtet sind. Und ich frage mich, warum in Zeiten, in denen ein kleiner Virus alles auf den Kopf stellt, viele Menschen so erbittert streiten. Es sind Zeiten, in denen Verantwortungsträger Entscheidungen treffen müssen, die niemals allen gefallen und in denen jede*r Einzelne Verantwortung übernehmen muss. Weshalb werden Menschen so ungehalten, wenn sie letztlich mit der Unplanbarkeit des Lebens, mit der Vergänglichkeit und auch mit der Fehlbarkeit von menschlichen Entscheidungen konfrontiert werden? Vielleicht liegt es daran, dass Menschen erst einmal einen „Gegner“ brauchen, wenn der Alltag radikal und anhaltend durch grundlegende Fragen des Lebens unterbrochen wird. Mit dem morgigen Sonntag beginnt eine besondere Advents- und Weihnachtszeit. Alles, was seit Jahrzehnten und vielleicht Jahrhunderten selbstverständlich war, wird in diesem Jahr anders sein. Ja, Weihnachten ist auch das Fest der gebrannten Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt, auch das Fest der Firmen- und Betriebsweihnachtsfeiern, auch das Fest der vorweihnachtlichen Geschenkeinkäufe. All dies gehört unbedingt dazu. Aber vor allem ist Weihnachten das Fest, an dem wir feiern, dass ein Kind heimatlos in einem kalten, dreckigen Stall geboren wird und Gott sich in diesem Kind zeigt. Weihnachten wirft uns, so gesehen, auf grundlegende Fragen des Lebens zurück. Gott zeigt sich hilflos und im Elend. Und seine Botschaft lautet: er braucht unsere Hände und unser Herz und nicht unseren Zorn, um die Welt zu verändern. Und diese Veränderung bedeutet, dass Menschen rücksichtsvoll miteinander leben, einander respektieren und bei Meinungsverschiedenheiten den Dialog suchen. Mit diesem Kind in der Krippe stellt Gott radikal und grundlegend Fragen an uns: an unsere festgefahrenen Meinungen, unsere Vorurteile, an unseren Zorn.  Das Wörtchen „radikal“ leitet sich von radix, lat., die Wurzel ab. Aus einer Wurzel zart wird  uns auch in diesem Jahr ein Ros´ entspringen – ein wunderbares Bild dafür, was und wen wir in der Adventszeit erwarten. Und gerade in dieser Zeit, die uns viel abverlangt, weil wir auf vieles verzichten müssen, lohnt es sich, einmal an die Wurzeln unserer tiefsten und letzten Fragen zu gehen und radikal darüber nachzudenken, was Weihnachten bedeutet - eine Ermunterung, zurück an die Wurzeln zu gehen – back to the roots! Und vielleicht ist es ja  in diesen unruhigen Zeiten das: diesem und jenem nicht mit Zorn zu begegnen, sondern das eigene Herz zu öffnen und dem Erblühen der Rose – Jesus Christus – aus  der Wurzel des Lebens hoffnungsvoll entgegen zu warten. In diesem Sinne: eine gesegnete und im besten Sinne andere Advents- und Weihnachtszeit!

In anderen Umständen...

Pfarrerin Ann-Sophie Wetzer

Guter Hoffnung sein. In anderen Umständen. In froher Erwartung leben. Dem Beginn eines neuen Lebens entgegensehnen – das ist Advent. Ein aufgeregtes Warten auf die Ankunft eines Kindes. Eine Zeit der Vorbereitung. Und zugleich die Feststellung: Auf alles vorbereiten können wir uns nicht. Was da auf uns zukommt, ist zu groß für uns. Wir können das Wunder nicht planen, nicht vorhersehen, was das mit unserem Leben macht. Wir können uns das neue Leben nur schenken lassen. Und wir müssen uns bereitmachen, uns dem Moment auszuliefern. Eine mächtige Demutserfahrung. Trotz Babyphone und Maxicosi, 500 Euro-Kinderwagen und Baby-App. Wir haben es nicht in der Hand. Trotz Nordmanntanne und kostenloser prime-Lieferung, trotz Jingle Bells und XXL-Playmobil-Adventskalender. Wir haben es nicht in der Hand. Was da auf uns zukommt, ist zu groß für uns. Das kann einem auch Angst machen.

Wenn sich Menschen entscheiden, Eltern werden zu wollen, beschäftigt sie manchmal die Frage, in welche Welt sie ihr Kind setzen werden: Ist es wirklich eine gute Idee, in diesen Zeiten ein Kind zu bekommen? Will ich, dass mein Kind in einer Welt aufwächst, die von den Folgen des Klimawandels und Sorgen über die Corona-Schulden bestimmt wird? Will ich ein Kind in eine Welt setzen, in der es Hassmails und Morddrohungen fürchten muss, wenn es sich für geflüchtete Menschen einsetzt? Will ich mein Kind in einer Gesellschaft großziehen, der es immer schwerer fällt, in Krisen und Schwierigkeiten barmherzig zusammenzustehen, wahrhaftig und konstruktiv zu bleiben? Mir würden noch viele Fragen einfallen. Der Blick in unsere Welt kann einem an manchen Tagen den Advent, das Guter-Hoffnung-Sein, ganz schön verderben. Wie soll denn alles werden?

Einer, der all diese Fragen kennt, hat vor Zeiten ein Kind in unsere Welt gesetzt. Mittenrein in unser Chaos, unsere Machtkämpfe, unsere Kleinkariertheit, mitten zwischen die Hasskommentare und Existenzängste, zwischen die Sehnsucht nach mehr Tiefe und die Angst vor dem Sterben, inmitten unserer zynischen Gedanken und affektierten Posen kommt dieses Kind zur Welt. Jesus soll es heißen, das heißt übersetzt „Gott hilft“. Jesus - der mit der unperfekten Geburt, ohne Aromaöle und Bondingtop; der kein Haus hat, und keinen Besitz; der die Lilien auf dem Feld lobt und zur Feindesliebe mahnt; der trösten konnte und Barmherzigkeit vorgelebt hat wie kein anderer; dessen Stärke in der Schwäche mächtig war, die Schwäche, die wir Liebe nennen. Den die Welt als Verbrecher ans Kreuz gehängt hat. Mit seiner Geburt hat Gottes Welt sich in unsere gemischt. Der Retter, die Chance auf ein neues Leben, ein neues Miteinander ist da. Nicht, weil die Welt dafür bereit gewesen wäre, sondern weil sie es so nötig hatte, ist das geschehen. Auch in diesem Jahr brauchen wir wieder dringend diese Geburtsgeschichte. Es sind besondere Umstände.

Guter Hoffnung sein. In anderen Umständen. In froher Erwartung leben. Dem Beginn eines neuen Lebens entgegensehnen, das alles verändert. – Das ist Advent. Ein aufgeregtes Warten auf die Ankunft eines Kindes. Eine Zeit der Vorbereitung. Und zugleich die Feststellung: Auf alles vorbereiten können wir uns nicht. Was da auf uns zukommt, ist zu groß für uns. Weihnachten ist zu groß, um es ganz zu begreifen. Darum können wir uns nur ergreifen lassen: Ja, ich habe oft Angst, wenn ich diese Welt genau betrachte. Aber ich will mich trotzdem freuen auf dieses unglaubliche Wunder, das mein Leben völlig durcheinander bringt, das meine Prioritäten verschiebt und mich die Welt mit andern Augen sehen lässt.

Was in diesem Jahr genau auf uns zukommt – wir wissen es nicht. Was uns bleibt, ist, uns dem Moment einfach auszuliefern, in dem es endlich soweit ist – in dem die Liebe uns und unsere Ängste einfach überwältigt: Der Moment der Geburt - Weihnachten.

Ernsthaft Freude?

Pfarrer Cornelius Pohle

„Das geht gar nicht, das ist fast schon zynisch, so kann man das nicht sagen!“ – so denke ich auf den ersten Blick, wenn ich auf das biblische Motto des vierten Advents schaue: „Freuet euch!“ Wie ist das dieses Jahr mit Advent und Weihnachten – kann und darf man sich trotzdem freuen?

So manchem wird die Vorfreude aufs Fest vermutlich vergangen sein angesichts der aktuellen Einschränkungen und Regelungen. Mancherorts machen sich Sorge und Angst breit um die eigene Gesundheit oder auch um das Durchhalten von Ärzten und Krankenhäusern.

Wie würde sich ein „Freuet euch!“ anhören – am Krankenbett oder in der Wohnung, in der manche ungeplant am Heiligabend allein sitzen? Sicher an der einen oder anderen Stelle eher unpassend, vor allem, wenn es nur ganz platt daher gesagt wird. Das meint aber dieses biblische Adventswort aus dem Philipperbrief gerade nicht. „Freuet euch in dem Herrn!“ Die Freude ist begründet in Gott. Begründete Freude kann so gar nicht oberflächlich sein. Sie schwebt nicht einfach so über einen Menschen hinweg, sondern möchte ihn wahrnehmen, erstnehmen, im Inneren erreichen. Wenn die Freude „im Herrn“ ihren Grund hat,  dann heißt das auch, dass ich mir die Freude nicht selber erarbeiten muss oder mich gar zu einem verkniffenen Lächeln zwingen muss. Selbst dort, wo es gerade wenig zu lachen gibt, kann die Freude ihren Raum finden, weil sie von außen kommt. Diese Erfahrungen machen gerade so einige Menschen, dass sie trotz Kontaktbeschränkungen nicht allein gelassen werden. Durch Briefe, Anrufe oder andere Medien schafft es die Freude von außen doch zu ihnen. Manchmal wäre es eher zynisch, die Freude ganz weg zu lassen, weil gerade eine Krisenzeit herrscht. Der ursprüngliche und freudige Grund von Weihnachten passiert ja gerade dort, wo es Menschen nicht gut geht: in einem kleinen Ort, in dem sich vielleicht schon damals so mancher abgehängt gefühlt hat; in einem Stall, weil sonst kein anderes Dach über dem Kopf mehr zu finden war; in der Gesellschaft der Hirten, denen sonst keiner Gesellschaft geleistet hat. Gott sucht sich ausgerechnet diese Gelegenheit aus, um seine Botschaft von Freude und Rettung zu verwirklichen.

Nun ist dieses biblische Weihnachtsfest schon eine ganze Weile her – für die Leser des Philipperbriefes damals und für uns ist es nochmal in eine ganz andere Entfernung gerückt. Dennoch steht jedes Jahr dieses Bibelwort über dem vierten Advent: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“ (Philipper 4,4.5b). Dieses Nahsein Gottes ist wohl der beste und aktuellste Grund, um die Freude nicht ganz fern sein zu lassen – auch dieses Jahr nicht. Dietrich Bonhoeffer hat sogar in seinem Gedicht „Von guten Mächten“ von der Freude geschrieben, die Gott uns noch einmal schenken wird – und diese Zeilen schrieb er im Gefängnis.

Man darf es also auch in Krisenzeiten durchaus sagen: „Freuet euch!“ Vielleicht anders als sonst: stiller, ruhiger, bedächtiger. Aber schon der Philosoph Seneca wusste: „Wahre Freude ist eine ernste Sache.“ Wir dürfen uns trauen, von der Freude zu reden, weil Gott ernst macht mit seinem Kommen: hinein in die Krippe des Stalls, in die Krise der Welt.

Advent und Weihnachten kann also dieses Jahr heißen: mit den Weinenden mitweinen und mit den Fröhlichen sich mitfreuen – und in beidem wissen: Gott, der Herr ist nahe.             

Das wichtigste Wort

Mitarbeiter im Verkündigungsdienst Andreas Albrecht

Weihnachten heißt: Gott fängt klein an, so dass wir etwas mit ihm anfangen können.

Gott fängt als Kind mit uns an. In vielen Worten wird uns davon berichtet. Unter vielen Worten der Weihnachtsgeschichte ist eines, das besonders wichtig ist. Welches Wort?

Sind es Worte, welche von Quirinius, dem Statthalter Roms, und seinem Kaiser Augustus berichten? Oder dass ein junges Paar Mühe hat, ein Dach über dem Kopf zu finden, um ein Kind zur Welt zu bringen? Sind es die Hirten auf dem Feld? Ist es das Kind, das die Hirten in der Krippe finden? Dies alles gehört zur Erzählung. Ohne Maria und Joseph, ohne die Hirten, ohne das Jesuskind gäbe es diese Geschichte nicht.

Für Martin Luther war das wichtigste Wort in der Weihnachtsgeschichte das Wort: „Euch". Der Engel sagt es den Hirten und uns heute: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren!" Dreimal steht es da, das wichtige „Euch". Die Hirten trauen dieser Botschaft und gehen nach Bethlehem, das Kind zu sehen, das auch für sie geboren wurde.

Das Euch sei das wichtigste Wort in der Weihnachtsgeschichte, sagt Luther. Er meint damit, wir können die Geschichte von der Geburt in Bethlehem berührend oder lehrreich finden und ohne sie nicht Weihnachten feiern wollen, aber dennoch das Wichtigste an ihr übersehen: Das „Euch ist heute der Heiland geboren". Dir und mir - heute.

Brauche ich einen Heiland, einen göttlichen Retter? Habe ich mein Leben nicht selbst im Griff? Hast du dein Leben, haben wir unser Leben - „im Griff"? Brauchen wir einen Heiland? Brauchen wir etwa keinen Heiland?

Das Kind in der Krippe kommt in eine Welt, in der es viele verständliche Gründe gibt, sich zu fürchten. Das Kind, Jesus kommt, damit niemand in Angst leben muss, sondern dass jeder im Vertrauen leben kann: Inmitten vieler ungelöster Probleme ist Gott da, hineingeboren in diese unsere Welt. Und dass es sich lohnt zu glauben, zu hoffen und zu lieben. Und dass es Sinn macht, im Kleinen oder Großen für diese Welt und ihre Zukunft zu kämpfen.

Dem Kind in der Krippe begegnen die Hirten, handfeste Leute, die Gott und religiöse Dinge aus ihrem Alltag ausblenden. Auch sie brauchen scheinbar keinen Heiland, keinen himmlischen Retter. Aber sie machen sich auf zu dem Kind von Bethlehem und begegnen in ihm dem lebendigen Gott: dem Gott, der so ganz anders ist, als sich das Menschen vorstellen, dem Gott, der ihnen so nahe kommt und der ein wirklicher Mensch, ein Baby wird, in Windeln gewickelt. Und diese Geburt verändert sie. Sie - die handfesten Leute - fangen an, über dem, was sie erlebt haben, Gott zu loben und zu preisen.

Das „Euch" ist das wichtigste Wort in der Weihnachtsgeschichte. Es will nicht nur im Stall von Bethlehem wohnen, sondern auch in deinem Herzen, dort, wo sich Angst und Sorge ausgebreitet haben mit den vielen Fragen, wie alles werden wird. Dort will es wohnen, die Sorgen zurechtrücken und dem Vertrauen Raum schaffen, dem Glauben, dass Gottes Liebe größer ist als du ahnst.  

Amen. 

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