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Osterandachten

Misericordias Domini
Sonntag, 18. April 2021
Pfarrer Thomas Pfeifer

Predigt über Hesekiel 34, 11-16

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.

 

Liebe Gemeinde,

mein Lieblingspsalm im Alten Testament ist der Psalm 23.

Dieser wunderschöne Psalm bedeutet mir persönlich sehr viel. Das Bild des guten Hirten löst ganz viel in mir aus: Da ist ein Gott, der für mich sorgt, der mich leitet, der mich mit Namen kennt, der sich für mich einsetzt. Wunderschön. Aber leider kommt mir dieses schöne Gefühl manchmal abhanden. Ich fühle mich ab und zu wie ein müder Hirte. Und da baut es mich auf, auch mal in den alten Prophetentexten zu lesen. Unter anderen auch diesen Text den wir eben gehört haben. 32 Kapitel langgeht es beim Propheten Hesekiel um die Sünden Israels und das Gericht Gottes. Erst danach schreibt Hesekiel vom zukünftigen Heil, von Gottes Güte und daraus entspringenden Hoffnung. Aber zunächst geht Hesekiel im Auftrag Gottes mit den Mächtigen des Volkes Israel ins Gericht: Im alten Israel wurden die Mächtigen, die Herrscher und Könige als Hirten bezeichnet. Die Führungsschicht des Volkes. Sie sorgten für das Volk wie Hirten für ihre Herde. Sie sorgten dafür, dass es den Menschen gut ging und verteidigten sie gegen die Feinde von außen. Im Predigttext hören wir, dass irgendetwas schiefgelaufen sein musste. Denn das Volk Israel war im 6. Jahrhundert in einen Krieg geraten. Israel war besiegt und viele Israeliten waren umgesiedelt worden und saßen nun im Exil in Babylon im heutigen Irak.

 

Mit ihnen der Prophet Hesekiel, der als Sohn eines Priesters auch der Führungsschicht angehörte. Er trauert der alten Heimat nach, er denkt an das zerstörte Jerusalem und macht den Mächtigen bittere Vorwürfe: „Ihr habt Euch nicht um die Herde gekümmert. Ihr habt Euch nur selbst geweidet! Ihr habt Euch nicht um die Schwachen gesorgt, die Verwundeten verbunden oder das Verlorene gesucht. Euch ging es nur um Euch selbst. Die Schwachen habt Ihr ausgebeutet und die Starken ausgebremst und nun ist die Katastrophe da!“ Ganz schön mutig wie Hesekiel sich gegen seine eigene Oberschicht stellt. Viele würden heute am Stammtisch sofort in diese Klage einstimmen. Sie haben das Gefühl, dass „die da oben“ ihre Macht nur für sich selbst gebrauchen. Dass die Mächtigen nur ihre eigene Macht sichern, um selbst gut da zu stehen. Uns fallen Politiker ein, die nur ihre Wiederwahl vor Augen haben. Sie sorgen sich nicht genügend um die Schwachen in der Gesellschaft. Um die, die am Rand stehen und drohen verloren zu gehen. Uns fallen Banker ein, die ohne weiteres Unternehmen fallen lassen und Tausende von Arbeitsplätzen aufs Spiel setzen, nicht ohne sich vorher noch Millionen-Boni zu sichern. Uns fallen Kirchenleute ein, die sich an Kindern vergehen, die ihnen anvertraut sind. Und die nachher so lange leugnen, bis es nicht mehr geht. „Die da oben machen, was sie wollen.“ Den Satz habe ich schon oft gehört. Und Hesekiel sagt uns im Namen Gottes: Macht bedeutet Verantwortung für die Schwachen, für die Verirrten und Bedürftigen. Er sagt von Gott her, dass zu einer guten Regierung immer auch die Sorge um die gehört, die nicht mitkommen, die am Rand stehen, die drohen unter die Räder zu geraten. Aber wir dürfen es uns nicht so einfach machen. Es geht nicht nur um „die da oben“. Denn Hirten sind nicht nur die anderen. Wir sind auch alle Hirten! Denn Verantwortung tragen wir alle. Auch wir sind betraut mit anderen Menschen und ihren Anliegen. Als Lehrerin oder Arzt, als Chef oder Kollegin, in der Familie als Mutter oder Vater oder als Kind der alten Eltern. Wir haben vielleicht auch Nachbarn, die uns anvertraut sind. Wir sollen füreinander Hirten sein, sagt Gott, füreinander da sein und füreinander sorgen.

 

Kain fragte Gott zu Beginn der Bibel: Soll ich meines Bruders Hüter sein? Die Antwort Gottes lautet: JA, genau. Du sollst ihn nicht töten, wie Kain es tat, sondern ihm helfen und für ihn da sein. Die Kritik von Hesekiel trifft also letztlich alle Menschen, die in der Verantwortung für einen anderen Menschen sind. Hesekiel sagt: Wir brauchen mehr Menschen, die ihren Einfluss dafür einsetzen, um für die zu sorgen, die auf der Strecke bleiben. Aber Gott findet solche Menschen nicht in der Führung des Volkes Israel und sagt deshalb: „Euch wird die Verantwortung entzogen. Euch gehört die Herde nicht mehr.“ Ein vernichtendes Urteil über die menschlichen Hirten. Aber bei dieser Aussage bleibt Gott nicht stehen. Denn wir sind Gott sei Dank nicht nur Hirten, sondern auch Schafe des guten Hirten! Das ist natürlich so eine Sache, als Schaf bezeichnet zu werden, oder? Wer ist schon gerne ein Schaf? Es gibt da ja nicht nur positive Assoziationen: Herdentrieb, Geblöke, Gestank, Lammkotelett, der treudoofe Blick, um nur einige zu nennen. Und zwischen Schaf und Hirten gibt es normalerweise ein klares Gefälle. Der Hirte hat die Macht, das Schaf ist ganz und gar von ihm abhängig. Und Gott sagt in diesem Predigttext, dass es auch um die Schafe nicht so gut aussieht: Es ist finster, trüb um sie, sie haben sich verirrt, sind zerstreut, manchen tief verwundet, und viele sehr schwach. Und in diese Situation verkündet Gott durch Hesekiel seinen Heilsplan. Er hat einen Entschluss gefasst, er sagte: Mir reicht‘s. Jetzt kümmere ich mich selber. Gott selbst wird als Hirte auftreten: Ich habe mir mal nur die Aktivitäten Gottes aus dem Text herausgeschrieben. Das ist ganz erstaunlich, was Gott tun will. Er nimmt mich an, er sucht mich Verirrten. Er rettet mich Zerstreuten. Er führt heraus und sammelt uns. Er weidet uns an den besten Plätzen. Ich darf dort lagern. Gott sucht das Verlorene. Er bringt das Verirrte zurück. Er verbindet unsere Wunden. Er stärkt meine Schwäche. Er behütet meine Stärke. Er weidet mich als der gute Hirte.

Und das ist alles wahr geworden, was Hesekiel da im Namen Gottes angekündigt hat. Wie so vieles sich erfüllt hat, was die Propheten vorausgesagt haben. Es ist wahr geworden in Jesus, dem guten Hirten. Er ist der wahre, gute Hirte für seine Menschen. In Johannes 10 sagt Jesus: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.

Jesus hat dieses Hirtenamt immer wieder betont. In Lukas 19 sagt er: Ich bin gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Und das hat Jesus auch mit Leben gefüllt. Er hat mit den Zöllnern und Sündern gegessen. Er hat sich um die Kranken gekümmert und sie geheilt. Er war bei den Menschen, die ausgestoßen waren und die kein großes Ansehen hatten. Aber er sah sie an! Und das machte sie gesund! An Leib und Seele. Jesus zeichnet genau das als Hirten aus, was die Mächtigen zur Zeit des Hesekiel nicht taten: Er stärkt das Schwache, er verbindet das Verwundete, er sucht das Verlorene – er sucht die, die im Abseits stehen und er behütet das Starke. Wie sind Sie heute Morgen hier in die Kirche gekommen? Fühlen Sie sich gerade eher als schwach, verwundet oder gar ein wenig verloren? Wenn ja, dann gibt es eine gute Nachricht: Jesus fühlt sich an den Rändern am wohlsten. Er sucht besonders gern die Menschen auf, die nicht in der Mitte sind. Sondern die, die am Rand sind, oder herausgefallen sind. Jesus schreibt keinen Menschen ab.

 

Er lässt es viel kosten, auch nur einen einzigen zu gewinnen. Er hat eine Schwäche für die Armen. Das ist seine Stärke. Und er nutzt unsere Schwächen nicht aus, sondern ermutigt uns und will uns stärken. Und in unserem Text wird auch betont: „Er behütet was fett und stark ist.“ Jesus unterdrückt nicht etwa die Starken. Man muss nicht erst am Boden sein, um Jesus zu treffen. Und was stark ist, muss nicht schwach geredet werden. Aber Gott wird die Starken niemals auf Kosten des Schwachen stärken. Sein Herz schlägt für seine Schafe –

für die Schwachen zuerst, aber auch für die Starken. Und als größten Liebesbeweis tut er das, wozu ein mutiger, guter Hirte bereit ist: Er lässt sein Leben für die Schafe. Der gute Hirte Jesus lässt sein Leben für die Schafe. Er wird selber ein Schaf – ein Lamm, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, wie es in der Bibel heißt. Er opfert sich selbst, nicht um uns vor bösen Tieren zu beschützen, sondern vor dem ewigen Tod und den totbringenden Folgen der Sünde. Jesus gibt sich selbst hin aus Liebe zu uns. Diese Liebe wird uns bei der Taufe zugesprochen und gilt jedem von uns ganz persönlich.

Und wo ist der Hirte heute? Er ist hier. Hier in dieser Kirche und in den Menschen, die ihm Einlass geben in ihre Herzen. Er will seine Menschen lieben, uns weiden und für uns sorgen. Und dazu braucht er uns. Gott gibt uns Anteil am Hirtenamt Jesu. Gott sucht Hirten! In Johannes 21 können wir lesen, wie Jesus als Auferstandener den Hirtenstab weitergibt. Er gibt den Weideauftrag weiter, und zwar an Petrus, der ihn gerade dreimal verleugnet hatte. Also an einen schwachen Menschen. Einen ungebildeten Fischer. Er fragt ihn 3x: Hast Du mich lieb? Denn das ist die Hauptanforderung an einen guten, menschlichen Hirten: Jesus lieben. Und 3x gibt Jesus Petrus die Anweisung: Dann weide meine Schafe.

Gott lässt seine Herde auch nach Jesu Himmelfahrt nicht im Stich. Er sorgt weiter für uns durch seinen Heiligen Geist. Und er sucht sich solche schwachen Menschen, wie Petrus und andere aus und macht sie nun zu richtigen Hirten, die in seinem Auftrag reden und handeln können. Diesen Hirtenauftrag gibt Gott an seine Gemeinde weiter. An uns alle! Wenn wir eine Kirche in der Nachfolge Jesu sein wollen, dann müssen wir lernen, die Schwachen zu stärken, die Verwundeten zu verbinden und die Verlorenen aufzusuchen. So wie Jesus es tat: Jesus geht dem verlorenen Schaf nach, um das Verlorene zu suchen, weil jeder von uns so wertvoll ist.

Man hat den berühmten Theologen Karl Barth einmal gefragt, was denn wohl die Zusammenfassung seines Glaubens sei. Er sagte es mit einem alten Kirchenlied:

„Weil ich Jesu Schäflein bin,

freu ich mich nur immerhin

über meinen guten Hirten,

der mich wohl weiß zu bewirten,

der mich liebet, der mich kennt

und bei meinem Namen nennt.“

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch einmal zusprechen, was Hesekiel über Gottes Aktivitäten sagt: Er bringt dich zu den besten Plätzen. Dort darfst Du lagern. Er verbindet deine Wunden. Er stärkt deine Schwäche. Er behütet deine Stärke. Er weidet dich – er ist dein guter Hirte. Stellen Sie sich doch einmal vor, er würde das auch für Sie tun: Gott spricht dich an. Er nimmt dich an. Er sucht dich Verirrten und Verlorenen. Er rettet dich Zerstreuten. Er verbindet deine Wunden. Er führt dich heraus und sammelt dich in der Gemeinde. Er weidet dich an den besten Plätzen, er ist dein guter Hirte.

Amen.

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