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Passionsandachten

Okuli – Sonntag, 7. März 2021
Pfarrerin Christiane Schmidt

Predigt zu Petrus

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch. Amen

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Gemeinde!

In der Passionszeit gehen wir in Gedanken mit Jesus von Galiläa am See Genezareth nach Jerusalem und erinnern uns an das, was damals geschehen ist, sind im Nachdenken mehr oder weniger eng dabei. Dabei treffen wir auf die Menschen, die damals eine Rolle spielten: auf Jesus und seine 12 Jünger, auf die streitsüchtigen Pharisäer, auf Kranke und Ausgestoßene, die sich von Jesus Hilfe erhoffen. Wir werden ein Teil der großen namenlosen Anhängerschaft, die neugierig Jesu Predigten verfolgt, die staunt, wenn er Kranke heilt und sogar Tote zum Leben auferweckt. Wir spüren die Spannung in Jerusalems Luft steigen und verfolgen mit Abscheu den Prozess gegen Jesus, bei dem das Urteil schon von Beginn an feststeht und nicht einmal der römische Statthalter Pilatus eine Chance hat, es abzuwenden. Wir leiden mit Maria und Maria Magdalena, die um ihren Sohn und Freund trauern. Ob wir am Ende mit unterm Kreuz stehen oder uns lieber auf sicheres Terrain zurückziehen, mag jede und jeder für sich selbst entscheiden.

Ganz wenige der damaligen Zeugen des Geschehens kennen wir näher – es sind vor allem die Jünger Jesu und eine Handvoll Frauen, die uns mit Namen bekannt sind. Einer, der immer, fast immer im Zentrum des Geschehens zu finden ist, ist Simon, genannt Petrus.  Er war der Erste, den Jesus zu seiner Nachfolge berief – und der Fischer Simon, der erst später von Jesus den Beinamen Petrus erhielt, ließ ohne Zögern Arbeit und Familie stehen und liegen, um ihm zu folgen. Er meldete sich gern als Erster zu Wort und wurde schnell Wortführer der Jüngerschar. Er war der Erste, der in Jesus den Sohn Gottes erkannte – und das auch öffentlich bekannte.

Er wollte Jesus gern beschützen und musste dafür prompt harsche Worte der Maßregelung einstecken. Er litt bestimmt nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein – bot z.B. Jesus an, für ihn zu kämpfen – und verleugnete doch seinen Freund und Lehrer aus Angst um sein Leben. Er war mit den Frauen der erste Zeuge der Auferstehung Jesu und er wurde danach zum ersten Verkündiger des Glaubens an den auferstandenen Christus vor den Völkern.

Wir wissen nicht viel Persönliches über diesen Mann. Er war wohl ein gestandener Mann im besten Alter. Er lebte in bescheidenen Verhältnissen am Nordufer des galiläischen Meeres in Kapernaum – so gut, wie es einem Fischer eben möglich war. Dass er eine Familie hatte, kann man daraus schließen, dass seine Schwiegermutter erwähnt wird, als Jesus bei ihm einkehrte und sie vom Fieber heilte. Sein Bruder Andreas gehört ebenfalls zu den ersten Jüngern.

Simon, genannt Petrus, ist eine ambivalente Persönlichkeit, die uns in der Bibel sehr kontrastreich vor Augen geführt wird. So lesen wir beispielsweise von seinem großen Vertrauen und seinem überschwänglichen Glauben an Jesus, der ihn auf dem Wasser gehen lässt – und wie er einen Moment später, als er den starken Wind um die Nase spürt, kleingläubig zweifelt und prompt im Wasser versinkt.

Oder wir staunen über seinen Sinneswandel in kurzer Zeit: Zuerst glänzt er mit seinem Bekenntnis zu Jesus als dem „Christus, des lebendigen Gottes Sohn“ – woraufhin Jesus ihn seligpreist und ihm seinen neuen Namen Petrus (zu deutsch: Fels) gibt und ihm zusagt, auf ihn seine Gemeinde bauen zu wollen. Kurze Zeit später, nachdem Jesus sein Leiden und seinen baldigen Tod ankündigt, versucht Petrus, Jesus von seinem Weg abzubringen. Er will den Weg des Leidens, der das Ende des gemeinsamen Weges bedeutet, nicht akzeptieren.

Am besten kennen wir die Szene vom letzten Abend Jesu mit seinen Jüngern, als Petrus seinem Herrn erst bei seinem Leben die Treue verspricht und sogar zum Schwert greift, um die Verhaftung Jesu zu verhindern. Einige Stunden später, als die Lage sich bedrohlich zugespitzt hat und Jesus sich bereits in Gefangenschaft befindet, beteuert er dann allerdings mehrfach, nicht zu diesem zu gehören, ja ihn überhaupt nicht zu kennen. Diese Wankelmütigkeit überwindet Petrus erst durch das Erlebnis der Auferstehung Jesu. Als einer der ersten Zeugen des Ostermorgens wird er zur Schlüsselfigur aller weiteren Verkündigung. Nach der Himmelfahrt Jesu ergreift er zunächst die Initiative, indem er für die Nachwahl des nach Judas‘ Selbstmord fehlenden Apostels sorgt, dann auch das Wort: In seiner ersten großen Predigt direkt nach dem Pfingstwunder zieht er die Verbindung vom Erzvater David hin zu Jesus als dem Herrn und Christus für die Welt. Unter seiner Leitung entsteht die erste Gemeinde in Jerusalem – Petrus genießt größte Autorität und wird tatsächlich zum Grundstein der frühen christlichen Gemeinden, aus denen später die christliche Kirche erwächst. Er tut Wunder und heilt Kranke, wie Jesus es gemacht hat. Er eckt wie dieser mit seinen Predigten beim Hohen Rat und den Schriftgelehrten an und geht dafür mehr als einmal ins Gefängnis. Petrus ist neben Jesus wohl die zentrale und wichtigste Figur des Neuen Testaments, zumindest der Evangelien.

In der Apostelgeschichte tritt dann Paulus auf den Plan, mit dem Petrus so einige Kämpfe ausficht. Auf dem Apostelkonzil streitet Petrus mit den Aposteln um den richtigen Weg für die neue Gemeinschaft in Christus und widmet ihr sein ganzes Leben, all seine Kraft. Am Ende stirbt er den Märtyrertod, der Legende nach wie Jesus am Kreuz, auf eigenen Wunsch kopfüber, und wird in Rom beerdigt.

Die spätere Kirche hat den ersten Apostel von Anfang an sehr für sich vereinnahmt und auf seine Autorität die eigene gegründet. Das Wort Jesu: „Du bist Petrus und auf dich will ich meine Kirche bauen!“, erfüllte sich in jeder Hinsicht. Sogar wörtlich, in dem auf sein vermeintliches Grab die wichtigste Kirche der Welt gebaut wurde – der Petersdom in Rom. Und in seiner Kuppel prangt über den Köpfen der Besucher nicht etwa eine Einladung an die Gläubigen oder ein Segensspruch oder eine Verheißung für sie, sondern genau diese Zusage an Petrus.

Mit dieser institutionellen Verehrung des Petrus kann ich nicht so viel anfangen. Mir ist Petrus dagegen als Mensch sympathisch. Ich bin beeindruckt von seiner Begeisterungsfähigkeit, von seiner Offenheit für die neue Botschaft, die Jesus bringt, von seinem Mut und von seiner treuen Anhänglichkeit, die sich nur selten erschüttern lässt. Ich fühle mit ihm, wenn er zweifelt und fragt, wenn er sich Sorgen um seinen Freund und Herrn macht und wenn er ungeduldig ist; und ich möchte ihn am liebsten trösten, wenn er sich für sich selber schämt und Tränen der Reue vergießt. Ja, ich habe sogar Verständnis für den Petrus, der aus Angst behauptet, er kennt Jesus nicht! Ich ahne, wie eine drohende Gefahr für das eigene Leben das Herz so in den Würgegriff nehmen kann, dass einem vor lauter Angst Worte über die Lippen kommen, die man gar nicht sagen wollte.

Mir ist dieser Mann sympathisch und auch nah, weil er eben nicht nur ein unnahbarer Held ist, der Übermenschliches vollbringt. Er ist sowohl stürmisch und voller Begeisterung – aber doch auch voller Zweifel. Er ist stark – und doch auch schwach. Er ist vorlaut und kleinlaut, mutig und ängstlich – und geht letztlich zielstrebig seinen Weg – mit allen noch so schwierigen Konsequenzen. Ein beeindruckender Mann!

Wenn ich wählen müsste zwischen dem selbstsicheren, redegewandten und wortgewaltigen Paulus und dem hin und her gerissenen, um seinen Weg ringenden Petrus, dann wäre mir immer Petrus näher, gerade weil er es manchmal nicht leicht hat mit sich selbst und mit der Nachfolge. Und welche Bedeutung hat dieser Petrus nun für mein, für unser Leben, für meinen, für unseren Glauben? Beim ganz normalen Volk ist der würdige Apostel Petrus durchaus in Witzen und Redensarten zu Hause, wenn es darum geht, wer die Himmelstore wettertechnisch öffnet oder wer für‘s Anglerglück bürgt.

Viel mehr bringen uns aber die Symbole, die Petrus in der Tradition gern beigestellt werden, auf die richtige Spur. Da ist zum einen der Schlüssel, der darauf hinweist, dass Petrus Macht erhält, salopp gesagt: den Einlass zum Himmelreich Gottes zu regeln. Jesus sagt zu Petrus: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben. Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt.16,19)

Heute finden wir den Schlüssel nicht nur bei Petrus, sondern auch im Wappen des Vatikans und in den päpstlichen Wappen. So wurde das Petrus-Symbol zum Zeichen für die Bindegewalt und höchste Autorität der Päpste als Nachfolger Petri und Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, der sich alle Glaubenden unterzuordnen hatten – und in der Katholischen Kirche bis heute haben. Das zweite Symbol ist der Hahn, der an den dunkelsten Moment des sonst so toughen Jüngers erinnert, da Petrus seinen Herrn verleugnete. Und wenn sich auf unseren Kirchtürmen ein goldener Hahn im Winde dreht, dann erinnert er nicht nur an den Stammapostel mit seinem Mut und seiner Glaubensstärke, sondern er mahnt uns gleichzeitig, stets aufzupassen auf das, was wir sagen. Allzu leicht geraten doch auch wir immer mal wieder in Gefahr, um eigener Vorteile willen die Wahrheit zu verleugnen.

Petrus ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Schlüsselfigur des Zweiten Testamentes – mit seiner Menschlichkeit, mit seinem Angefochten-sein, mit seinem Glaubensmut, der letztlich dem christlichen Glauben den Weg in die Welt ebnet. An der Gestalt des Petrus wird deutlich, was christliche Existenz eigentlich bedeutet: nämlich gerufen sein in Jesu Nachfolge, sich auseinanderzusetzen mit Jesu Lehre und Leben, auch zu ringen mit manch Zweifeln und Ängsten – und doch die Kraft und den Mut zu finden, im christlichen Glauben zu leben und ihn weiterzutragen zu den Menschen.

Vielleicht kann uns Petrus eine Art geistlicher Pate sein, der uns Mut macht, wie er auf Jesus zu vertrauen. Vielleicht kann Petrus uns inspirieren, für unseren Glauben zu streiten, ihn zu verteidigen, für ihn zu werben gegen die weit verbreitete Gleichgültigkeit und Gottlosigkeit unserer Zeit. Vielleicht kann er uns auch trösten, wenn wir kleingläubig sind und in unseren Zweifeln zu versinken drohen. Petrus zum Vorbild der Nachfolge zu haben, kann eigentlich nur ermutigend sein! So sei es! – Amen

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